IG Centered Riding Schweiz

Alexandertechnik – schon mal ausprobiert?

Alexandertechnik – schon mal ausprobiert?

 

Die Alexander-Technik erhielt ihren Namen von ihrem Begründer Frederic Matthias Alexander, der 1869 in Tasmanien geboren wurde und von 1904 bis 1955 in London lebte. Als junger Mann litt F.M. Alexander an starker Heiserkeit, die allerdings nur auf der Bühne auftrat. Da er keine medizinische Hilfe bekam und andererseits seinen Beruf nicht aufgeben wollte, nahm er sein Schicksal selbst in die Hand und beobachtete systematisch sein gewöhnliches Sprechen und sein Rezitieren im Spiegel. Seine Leitidee war: „Wenn ich herausfinde, was ich beim Rezitieren im Unterschied zum gewöhnlichen Sprechen mache und dies weglassen kann, so wird auch meine Heiserkeit verschwinden.“ Zunächst fiel ihm nichts auf, doch er blieb bei seiner Ueberzeugung und beobachtete sich immer weiter aus verschiedenen Perspektiven, bis er schliesslich eine Entdeckung über die Beziehung von Hals und Kopf machte: Im Unterschied zu seinem gewöhnlichen Sprechen veränderte er beim Rezitieren unwillkürlich die Form und damit die muskuläre Spannung von Hals und Kopf, indem er den Kopf in den Nacken zog. Als es Alexander nach einer Reihe von Versuchen endlich gelang, beim Rezitieren diese überflüssige Aktivität zu vermeiden, hatte er den Schlüssel zu seiner Methode entdeckt.

 

Durch lange Versuchsreihen in Selbstbeobachtung und Selbststeuerung wurde er seine Heiserkeit vollständig los und entwickelte gleichzeitig ein Schulungssystem. Die Kernaussage dieses Systems lässt sich auf eine Kurzformel bringen: Der Gebrauch bestimmt die Funktion. Das heisst: Der Umgang mit mir selbst bestimmt die Qualität meines Seins.

 

Die Prinzipien der Alexandertechnik

 

Die Macht der Gewohnheit – Grundsatz Nr. 1  der Alexanderarbeit ist die Einsicht in ihre Notwendigkeit. Dieses Prinzip nennt man: Das Anerkennen der Macht der Gewohnheit. Erst wenn ich zu der Ueberzeugung gekommen bin, dass ich nicht jederzeit in der Lage bin, das zu tun, was ich will, sondern im Gegenteil oft zwanghaft von meinen Mustern gesteuert werde und dadurch im Erreichen meiner Ziele behindert bin, besteht die Veranlassung, den nächsten Schritt zu tun.

 

Gewohnheiten sind „Dauerentscheidungen“, die bewusst oder unbewusst getroffen werden. Wenn ich es mir zur Gewohnheit gemacht habe, jeden Haufen Pferdeäpfel sofort nach dem Reiten zu entfernen, so wird mein Reitplatz sauber sein und diese Gewohnheit kann mein Leben erleichtern. Wenn mein Pferd andererseits jedes Mal beim Aufhalftern den Kopf hochreisst und ich mich immer wieder neu darüber ärgere, so handelt es sich hier um ein gemeinsames Verhaltensmuster von meinem Pferd und mir. Das Hochreissen des Kopfes betrifft dabei nicht nur einen rein körperlichen Vorgang, sondern ist mit psychischer Anspannung meines Pferdes verbunden. Auf der anderen Seite wird mein Aerger darüber sich in körperlicher Anspannung zeigen. Sowohl mein Pferd als auch ich werden in dieser Situation in der Sinneswahrnehmung wahrscheinlich eingeschränkt sein.

 

Inhibition – Grundsatz Nr. 2 besteht darin, den gewohnten Weg zu unterbrechen. Dieses Prinzip wird Innehalten genannt. Es entspringt einer Überzeugung, die sich z.B. so formulieren lässt: Wenn ich in meinem Auto die Handbremse angezogen habe und deshalb nicht so schnell wegkomme, macht es keinen Sinn, umso mehr Gas zu geben. Ich muss erst die Bremse lösen. Wenn ich mich gewohnheitsmässig zusammenziehe, macht es keinen Sinn, mich als Ausgleich zu strecken. Ich muss aufhören, mich zusammenzuziehen.

 

Fehlerhafte Sinneswahrnehmung – habe ich die beiden vorangehenden Prinzipien verstanden, so bin ich reif für Grundsatz Nr. 3, und der besteht in der Erkenntnis, dass meine Eigenwahrnehmung nicht so präzise arbeitet, wie ich es gerne hätte.

 

So sitzen z.B. 90 Prozent der Reiter hinter der Senkrechten, ohne dies zu merken. Werden sie durch einen Lehrer sanft ins Lot gebracht, so denken sie, dass sie nun vor der Senkrechten sitzen. Dieses Prinzip der fehlerhaften Sinneswahrnehmung erklärt sich daraus, dass wir alles in Relation zueinander erleben und dass wir die Tendenz haben, alle Abweichungen vom Gewohnten als falsch zu bewerten.

 

Denken in Richtungen – Aus der Erkenntnis der fehlerhaften Sinneswahrnehmung ergibt sich die Frage nach dem nächsten Schritt, um zu einer objektiveren Selbststeuerung zu gelangen. Dieser Grundsatz Nr. 4 ist das Denken in Richtungen.

 

Der Reiter, der seine fehlerhafte Wahrnehmung bemerkt hat, kann nun mithilfe von gedachten Richtungen nach oben, nach unten und nach vorne und mithilfe von unterstützenden Gedanken eine neue und objektivere Aufrichtung erlangen.

 

Beispiel für solche unterstützenden, ausrichtenden Gedanken sind: „Ich lasse meinen Hals frei sein, ich lasse meinen Kopf nach oben gehen, ich lassen meinen Rücken lang und weit werden, ich lasse meine Knie nach vorne gehen, ich lasse meine Fersen nach unten gehen.“ Alle diese richtunggebenden Gedanken haben mit loslassen zu tun und das bedeutet im Vergleich mit dem beliebten Reitlehrerkommande: „Absatz tief!“ einen wesentlichen Unterschied. Die in Befehlsform vorgetragene Anweisung suggeriert beim Reitschüler die Idee, er könne nur durch verstärkte Anstrengung besser Reiten lernen.

 

Die primäre Steuerung – der 5. Grundsatz – die Quintessenz der Alexandertechnik – entsteht durch das Zusammenspiel der anderen vier Prinzipien. F.M. Alexander gab diesem umfassenden Prinzip den Namen: Die primäre Steuerung. Sie ist ein fliessender Bewegungsablauf aus einer zentralen Kräfteachse, ungebrochen und unbehindert durch äussere Einflüsse.

 

Junge, noch ungerittene Pferde zeigen in ihren Bewegungen die Unmittelbarkeit der primären Steuerung. Ebenso wird sie von zweijährigen Kindern in Perfektion ausgeführt und verleiht ihnen ihre Anmut. Die Qualität der primären Steuerung verschlechtert sich im Laufe des Erziehungs- und Sozialisationsprozesses. Beim Erwachsenen funktioniert diese natürliche Selbststeuerung nur noch eingeschränkt. Jedoch kann ihre ursprüngliche Qualität wieder freigelegt werden. Nach F.M. Alexander ist dies nur durch einen Bewusstseinsprozess möglich.

 

Wie diese sinnvolle bewusste Selbststeuerung in Bezug auf den Umgang mit dem Pferd angewandt werden kann, erfährst du in folgenden Büchern:

 

Tschaikowski Walter: Besser reiten mit der Alexandertechnik, Cadmos-Verlag, 2003

Tottle Sally A.: Reiten mit Körpergefühl, Müller-Rüschlikon, 2001

Bentley Joni: Reiten ohne Stress und Angst, Cadmos, 1999

 

Suche dir einen Alexanderlehrer in der Nähe und besuche einige Alexanderstunden. Es ist sehr interessant und lehrreich um das eigene Körperbewusstsein zu schulen.

Viel Spass beim Ausprobieren!                                                                           Erika Weiss                  

designed by mdi
Alle Rechte bei IG Centered Riding Schweiz 2018