IG Centered Riding Schweiz

Atmen ist Zentrieren und Wachsen

Atmen ist Zentrieren und Wachsen

 

Erika Weiss, Level III

 

Atmen ist einer der Centered-Riding Basispunkte. Ein sehr wichtiger, wie mir scheint, eigentlich der wichtigste. Unsere Atmung ist ein grossartiger Lehrmeister, denn sie lässt uns neue Erfahrungen machen und gibt uns Hinweise auf unsere augenblickliche körperliche und seelische Verfassung. Eine bessere Körperausrichtung und bessere Bewegungsmuster fördern unsere Atemmuster und umgekehrt. Ohne Wasser können wir drei Tage überleben und ohne Nahrung noch länger, aber ohne Sauerstoff stirbt unser Gehirn innerhalb weniger Minuten.

 

Unser Körper nimmt Sauerstoff über die Lungen auf. Die Blutbahnen leiten den Sauerstoff weiter zu den Milliarden von Zellen unseres Körpers. Und auf der Zellebene findet auch die eigentliche Atmung statt. Die Zellen „atmen“ Kohlendioxyd aus, welches dann wiederum zu den Lungen geführt und dort ausgeschieden wird.

 

Unsere Muskeln brauchen den Sauerstoff, um überhaupt beweglich zu sein. Wir Reiter wiederum brauchen eine optimale Beweglichkeit auf dem Pferd, um überhaupt reiten zu können. Reiten heisst also, im richtigen Zeitpunkt den richtigen Muskeltonus, (Muskelspannung) zu haben, um mit dem Pferd kommunizieren zu können. Doch wie erkläre ich einem Reitschüler, wie er seine Muskelspannung verändern soll? Und welche Muskelspannung in welchem Zeitpunkt seiner Reitaktivität die richtige ist? Wie kann er sein Pferd über seinen Muskeltonus motivieren, ansporn (ohne Sporen) und besänftigen?

 

All diese Dinge gehen nur über die Fähigkeit, richtig Atmen zu können. D.h. die Atembewegung bis in die hinterste Ecke unseres Körpers zuzulassen, zu erlauben.


Welche internen Bewegungen löst der Atem aus? Dazu ein kleiner Blick in die Biomechanik des Atems: Der wichtigste Muskel für die Atmung ist das Zwerchfell. Es trennt den Leib in Bauch- und Brustraum. Man kann sich diesen Muskel wie einen Pilzhut vorstellen. Der Stamm des Pilzes, die Zwerchfellschenkel, ist mit den Lendenwirbeln verbunden. Das Zwerchfell zieht sich beim Einatmen zusammen. Seine „Pilzkuppel“ bewegt sich nach unten und wird flacher. Gleichzeitig heben sich die Rippen an, weil die Lunge sich ausdehnt. Die Rippen heben die Schultern nach oben. Diese ihrerseits heben die Arme ganz wenig nach oben und somit auch die Zügelhände. Gleichzeitig drückt das Zwerchfell die Organe nach unten, was die Bauch- und Beckenbodenmuskulatur ausgleichen muss, indem sich diese Muskeln verlängern. Wir spüren, wie die Bauchmuskeln sich ausdehnen, wenn wir die Hand auf den Bauch legen.

 

Atmen wir aus, verkleinert sich die Lunge, indem der Zwerchfellmuskel wieder seine ursprüngliche Länge einnimmt und so die Luft aus den Lungen drückt. Dabei helfen ihm die Bauch- und Beckenbodenmuskeln, die die Organe wieder in ihre alte Lage zurück befördern. Die Rippen fallen dadurch zurück an den Körper. Die Schultern sinken, die Arme und die Zügelhände sinken ebenfalls.

 

Am besten sitzt du entspannt und gut aufgerichtet auf einen Stuhl und probierst aus. Atme ein und versuche die einzelnen Strukturbewegungen wahrzunehmen. Stimmt es, dass auch die Zügelhände die Bewegung mitmachen?

 

Atmen ist zentrieren und wachsen: Wir sind immer noch beim sanften Atem. Stell dir vor und fühle beim Ausatmen, wie deine Zentrumskugel noch tiefer in deine Körpermitte gleiten darf. Weil die Atmung auch die Beckenbodenmuskulatur involviert, bewegt sich dein Kreuzbein rhythmisch zur Atembewegung. Das Ausatmen lässt das Gefühl aufkommen, als könntest du dein Kreuzbein näher zum Sattel bringen. Du zentrierst und erdest dich. Die Zentrumskugel sinkt.

 

Gleichzeitig fallen deine Rippen mit dem Ausatmen nach unten. Ueber Gelenke sind die Rippen mit den Wirbelkörpern der Wirbelsäule verbunden. Durch das nach unten Fallen der Rippen, kann man sich vorstellen, dass diese die Wirbelkörper tendenziell nach oben schieben. Es entsteht ein Gefühl des wachsens, wie wenn der Kopf nach oben gehoben wird. Stell dir dazu vor, dass dein Kopf ein Heissluftballon ist. Jedes Ausatmen stösst einen Schub warme Luft in den Ballon und lässt ihn aufsteigen. Jeder Atemzug ist ein wachsen, erden und zentrieren. Atlas und  Kreuzbein bewegen sich voneinander weg und nähern sich wieder an.  

 

Durch das Wachsen, Erden und Zentrieren sprechen wir unsere Kernmuskulatur an. Die Kernmuskulatur ist zuständig für die Feinausrichtung und Stabilisierung der Wirbelsäule sowie für das Gleichgewicht. Es sind die ganz kleinen Muskeln, die Wirbelkörper mit Wirbelkörper verbinden und diese ausrichten. Durch das Ausatmen entspannen wir zwar die Bewegungsmuskeln (Rumpf-, Schultermuskeln) bringen jedoch die Kernmuskeln über das Wachsen und Zentrieren in eine Dehnsituation. Die Wirbelsäule längt sich und wird stabil. Wir bekommen eine durchlässige und trotzdem sehr stabile Haltung, da die Wirbelsäule in dieser aufgespannten Situation die Haltung übernimmt und die Bewegungsmuskeln rundherum sich frei bewegen können, ohne Haltearbeit leisten zu müssen.

 

Diese Stabilität erhalten wir bei jedem Atemzug, den wir bewusst erlauben. Eine gute Haltung auf dem Pferd ist deshalb nie statisch angespannt sondern immer eine Wechselwirkung zwischen Anspannen und Entspannen, zwischen Ein- und Ausatmen. Dabei ist es praktischer, nur ans Ausatmen zu denken. Einatmen tut es von alleine wieder. Denke ich jedoch ans Einatmen, stellt sich unweigerlich ein Stopp ein, bis ich wieder ausatme. Ich weiss dann nie, wie viel ich einatmen soll und wann ich wieder ausatmen muss. Nur ans Ausatmen zu denken, lässt alles besser fliessen.

 

Das sanfte Ausatmen senkt den Muskeltonus bei jedem Atemzug und lässt einem aber trotzdem wachsen und zentrieren. Durch einen breiten Mund kann man sehr gut sanft ausatmen. Der sanfte Atem hilft, nervöse, überspannte Pferde zu beruhigen. Er hilft, die Tritte zu verkürzen und sanfte Uebergänge zu reiten.

 

Der Kraftatem erhöht den Muskeltonus zum Zeitpunkt des Ausatmens. Auch er lässt einem wachsen und zentrieren. Der Kraftatem ist ein kurzer, heftiger Atemstoss. Wir spüren, wie die Bauchmuskeln kurz und kräftig anspannen. Ebenso die Beckenbodenmuskeln. Kraftatem kann man sehr gut üben, indem man einen Ballon aufbläst und im Zeitpunkt des Pressens der Luft durch das enge Ventil des Ballons beobachtet, wo Muskeln anspannen. Auch durch einen Trinkhalm blasen, kann helfen, den kurz erhöhten Muskeltons wahrzunehmen. Stell dir dazu vor, dass deine Zentrumskugel sich in einen Gummiball verwandelt. Mit dem kräftigen, stossweisen ausatmen prallt der Gummiball an den Boden und springt wieder in dein Zentrum. Und das bei jedem deiner Kraftatemstösse.

 

Biomechanisch gesehen, ist ein Kraftatemzug immer eine halbe Parade und wird so entsprechend beim Pferd eingesetzt. D.h. der Kraftatem im richtigen Zeitpunkt eingesetzt, verlängert die Tritte, bereitet das Pferd auf Uebergänge nach oben und auf gesetzte Uebergänge nach unten vor. Er rebalanciert das Pferd und hilft, Volten rund werden zu lassen. Der Kraftatem stimuliert den Hinterhandmotor und ist eine ganz, ganz feine Anfrage unsererseits an das Pferd, seine Hinterhand mehr einzusetzen. Eine Phase eins in der Kommunikation.

 

Damit uns das Pferd versteht, braucht es Timing beim Einsatz des Kraftatems. Zum Antraben muss der Kraftatem im Zeitpunkt des Abstossens des inneren Hinterbeins eingesetzt werden. Steht das Pferd mit dem falschen Fuss am Boden, wird es nicht effektiv in den Trab einspringen können. Ein-, zwei Kraftatemzüge ( =  ein, zwei halbe Paraden) bereiten das Pferd vor, rebalancieren es. Erst wenn wir diese Bereitschaft des Pferdes spüren, sich zu runden, ist der Zeitpunkt da, es mit einem weiteren Kraftatem in den Trab zu schicken.

 

Wollen wir angaloppieren, wird der Kraftatem zum Zeitpunkt des Abstossens des äusseren Hinterbeins eingesetzt. Wieder bereiten wir das Pferd mit ein bis zwei Atemzügen auf das Angaloppieren vor, spüren dabei, ob das Pferd sich mehr anspannt und schicken es mit dem dritten Kraftatem in den Galopp.

 

Der Kraftatem erhöht unseren Muskeltonus für einen kurzen Moment. Das ist wie eine erste Anfrage an das Pferd auf eine sehr feine Art. Eine erste Phase oder Konsequenz. „Hört“ das Pferd noch nicht hin, kommt die zweite Phase oder Konsequenz. Das kann ein Schnalzen sein, der sanfte, bewusste Einsatz der Schenkel oder der Gerte. Setzen wir diese Phasen konsequent ein, bekommen wir ein Pferd, das sehr sanft und nur über den Atem zu reiten ist. Wir können über unseren Atem unsere Muskelspannung verändern und dadurch die des Pferdes. Das Atmen kann sehr gut auch in der Bodenarbeit oder beim Longieren eingesetzt werden. Da Pferde die Körperenergie des Reiters oder Führers wahrnehmen können, funktioniert richtig eingesetzter Atem auch am Boden.

 

Ich wünsche euch viel Spass beim Experimentieren mit eurem Atem.


atmenjpg

designed by mdi
Alle Rechte bei IG Centered Riding Schweiz 2018